Res Publica - eine öffentliche Sache

Die Vogelweide im Jahr 2018

Wer hat das Recht, die Pflicht und den Mut, die Wahrheit zu sagen?
Michel Foucault in Diskurs und Wahrheit: Die Problematisierung der Parrhesia


Seit Sommer 2015 agiert der Kulturverein Vogelweide im Waltherpark in St. Nikolaus und bietet vielfältigen künstlerischen Formaten eine Plattform im Zentrum Innsbrucks. In den vergangenen zwei Jahren konnte sich die Vogelweide als Kulturort im öffentlichen Stadtraum so einen Namen machen. Durch die Bespielung des Parks wird dieser selbst zu einem Experimentierfeld zwischen Kultur und Stadtforschung. Hier werden aktuelle, gesellschaftlich relevante Fragen aus ihrem gewohnten Kontext gelöst auf unterschiedliche Arten (dar)gestellt und neu ausverhandelt. Dabei steht der Austausch selbst, die öffentliche Debatte im Mittelpunkt. Der Park – und damit der öffentliche Stadtraum als historischer Ausgangspunkt für demokratische Strukturen – wird genutzt, um dessen Potenzial als offene Gesprächsarena sichtbar zu machen und zu stärken.


Vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Herausforderungen und Chancen ist die Kultivierung einer gleichberechtigten Diskussion von zentraler Bedeutung. Denn egal ob in den Bereichen der Wirtschaft, der Technik, des Umweltschutzes oder in der Entwicklung unserer politischen Kultur, auf allen Ebenen finden derzeit tiefgreifende und schwer absehbare Veränderungen statt. Unter diesen Umständen stellen sich drängend neue (und alte) Fragen für eine mögliche, auf das Gemeinwohl ausgerichtete Organisation gesellschaftlichen Zusammenlebens. Eine Urszene in der europäischen Geschichte, die diese Fragen archetypisch beinhaltet, ist der frühe Aufstand des (vor-)römischen Bürgertums gegen die etruskisch-tarquinische Königsherrschaft 509 v. Chr. Ein gerade entstehendes städtisches Bürgertum reagiert aufgebracht auf die brutale Willkürherrschaft Einzelner und macht die Entscheidungen, die das römische Gemeinwesen betreffen zu einer von nun an öffentlichen Sache, zur res publica. Seitdem sind die Fragen die gleichen geblieben: Wie funktioniert eine lebendige Demokratie? Wo, wie und unter welchen Umständen findet gesellschaftlicher Diskurs statt? Worüber reden wir dabei? Bzw. wer ist mit ‚wir‘ eigentlich gemeint?


Fest steht, dass sich im Zuge der Globalisierung die Mensch-Umwelt-Beziehungen kontinuierlich intensivieren und wir daher mit Bezug auf unsere Lebensrealitäten mehr denn je von einem ‚wir‘ reden müssen. Weniger weil wir Menschen uns bewusst für diesen Weg entschieden hätten, sondern vielmehr weil wir mittels der Ausprägung unseres Daseins entsprechende Spuren hinterlassen. Klimawandel, Migration, transnationale Institutionen, die nächste technologische Revolution – all diese Phänomene und die damit verbundenen Herausforderungen sind global verdichtete und vom Menschen gemacht. Wir leben in einer Ära der Transformation, in der Probleme als über-komplex, ja als entgrenzt wahrgenommen. Vieles zerbricht oder ist schon zerbrochen und wartet darauf, neu zusammengesetzt zu werden. Gleichzeitig birgt diese Situation neue Chancen.


Wo und wie findet also unter diesen Umständen gesellschaftlicher Diskurs statt? Der traditionelle Qualitätsjournalismus befindet sich in einer wirtschaftlichen Dauerkrise und das Internet gleicht einem grenzenlosen Informationsdschungel. Gewissenhaft recherchierte, um Differenzierung bemühte Arbeiten konkurrieren mit auf Klickzahlmaximierung optimierten
(Fake-)News, die im Idealfall dem politischen Gegner schaden. Überdies sind die Inhalte von Algorithmen fein einsortiert in sozioökonomische Filterblasen. Gleichzeitig verschärft sich im Zuge einer fortschreitenden Privatisierung von öffentlichen Räumen der Druck auf die älteste aller Bühnen der gesellschaftlichen Debatte: die Straße. Die Agora in Griechenland, das Forum in Rom, aber auch öffentliche Plätze und Parks, Straßenecken und Hinterhöfe in neuzeitlichen Städten waren essentiell für die Entwicklung von demokratischen Strukturen. Historisch betrachtet ist die Stadt sowohl Ursprung als auch Symptom für komplexe gesellschaftliche Systeme und damit der Brutkasten der Demokratie. Dass letzteres nur Bestand hat, wenn sie konsequent gelebt wird, scheint in den letzten Jahren wieder deutlicher zu werden.


Genau an dieser Stelle möchte der Kulturverein Vogelweide auch im Jahr 2018 einen Beitrag leisten. Der Waltherpark in St. Nikolaus soll weiterhin als öffentlicher Ort für kulturellen Austausch und Debatten ohne Scheuklappen stärker in Wert gesetzt werden. Dabei steht die Schaffung einer Plattform für künstlerische Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit wichtigen gesellschaftlichen Fragen der Zeit auseinandersetzen, im Mittelpunkt. Der Park als öffentlicher Stadtraum wird zu einem sozialräumlichen Forschungslabor und Experimentierfeld, das ein vielfältiges Rahmenprogramm umfasst. Egal ob Literatur, Theater, Film, Musik, Kunst oder Theorie – das Programm, immer fordernd, manchmal unbequem aber stets als offene Einladung für Alle konzipiert, macht aus dem Park eine Anlaufstelle für Stadtbewohner*innen auf der Suche nach Input und Austausch.


Eben eine öffentliche Sache.